eLearning-Journal: Interview über Qualitätssicherung

Marco Bohnsack im Gespräch mit dem eLearning-Journal zum hohen Stellenwert von Qualitätssicherung für Stud.IP.

Qualitätssicherung – die wichtigste Baustelle im Projekt Bildung

Wie kann man bei den vielzähligen OpenSource Lösungen noch den Überblick über gute Qualität behalten und auf welcher Ebene spielt sich dies ab. Wir haben Marco Bohnsack von data-quest gefragt, wie eines der größten LMS diese Fragen behandelt.

eLearning Journal: Herr Bohnsack, zunächst möchten wir uns bedanken, dass Sie uns für dieses Interview zur Verfügung stehen, da wir zu unserem Leitthema Qualität bei eLearning jeden Einblick, den wir gewinnen können, auch gewinnen wollen. Sie sind der Geschäftsführer der data-quest GmbH, die ihren Firmensitz in der schönen 'Studentenstadt' Göttingen hat. Verraten Sie uns kurz, was die Spezialität der data-quest GmbH ist.

Marco Bohnsack: Wir haben uns auf Open-Source-Software für den Bildungsbereich spezialisiert. Und zwar nicht auf Lerninhalte, sondern auf Infrastrukur für die Aus- und Weiterbildung. Dazu gehört z.B. Software zur Verwaltung von Bewerbungsverfahren oder Programme um das eigene Kursprogramm im Internet darzustellen. Unser erfolgreichstes Produkt ist aller- dings das Lern-Management-System Stud.IP. Dieses nutzen Unternehmen, Bildungseinrichtungen, Schulen und Hochschulen, allein in Deutschland ist das System an ca. 65 Hochschulstandorten im Einsatz und hat rund 400.000 Nutzer.

eLearning Journal: Ihr Unternehmen befasst sich also mit einem der größten bildungsnahen LMS, die es an den zahlreichen Hochschulstandorten in Deutschland und der Welt gibt: Stud.IP. Was zeichnet dieses LMS aus?

Marco Bohnsack: Stud.IP ist eine Plattform, die komplett über das Internet genutzt werden kann. Herzstück ist immer die Kommunikation und Unterstützung von Lehrveranstaltungen. Das System ist äußerst flexibel und leicht erweiterbar. Je nach Einsatzweck kann es als Communityplattform dienen oder auch als zentrales System zur Verwaltung einer ganzen Hochschule, inkl. Lehrveranstaltungsplanung und Raumverwaltung. Diese Flexibilität, in Kombination mit einfacher Bedienbarkeit, macht Stud.IP attraktiv. Nicht zuletzt ist die Software auch deshalb populär, weil sie lizenzkostenfrei ist. Sie kann von jedem heruntergeladen und genutzt werden, ohne Einschränkungen. Data-quest bietet Dienstleistungen rund um die Software, wie garantierten Support, Beratungen, Schulungen, Roll-Out-Management oder Anpassungsprogrammierung an.

eLearning Journal: Die Begrifflichkeit Opensource ist am Markt jedem geläufig. Was die wenigsten jedoch wissen: Opensource ist der sprichwörtliche Brei, den viele Köche verderben könnten, wenn man sie denn lässt. Wie wichtig ist das Thema Qualitätssicherung für Ihre Arbeit an und mit Stud.IP?

Marco Bohnsack: Qualitätssicherung ist der wichtigste Bestandteil der Entwicklung. Data-quest entwickelt Stud.IP nicht alleine, sondern gemeinsam mit einer Community aus Entwicklern von Hochschulen sowie Freiwilligen. Jeder dieser Entwickler hat einen eigenen Programmierstil und eigene Vorstellungen davon, wie gute Software aussehen sollte. Ohne verbindliche Spielregeln und überwachte Verfahren bei der Entwicklung sowie eine intensive Qualitätssicherung bis zum Release würde die Software schnell fehlerhaft und von der Benutzerführung inkonsistent werden.

eLearning Journal: Qualitätssicherung ist eine Baustelle, die man niemals fertigstellen darf, weil man das Produkt, mit welchem die Qualität untrennbar verbunden ist, sonst aufgibt. Bei Stud.IP findet diese Baustelle auf der Ebene des Codes statt. Wie muss man sich dies vorstellen?

Marco Bohnsack: Alle, die etwas zur Stud.IP-Entwicklung beitragen möchten, sind in einem zntralen Entwicklungsforum im Internet organisiert. Dort wird über neue Entwicklungen oder Entwicklungsvorhaben diskutiert. Ob eine neue Funktionalität wirklich in die Releaseversion aufgenommen wird, entscheidet die Stud.IP-CoreGroup. Das ist ein unabhängiges Gremium, in dem auch data-quest vertreten ist, aus erfahrenen Entwicklern, die auch als Mentoren für neue Talente fungieren. Sie helfen z.B. bei der Anwendung der Regelwerke, in denen genau festgelegt ist, wie etwas programmiert werden soll und wie es sich bedienen lassen muss. Ist die Entwicklung fertig, prüft das Gremium sowohl die Funktionalität als auch den Code. Nach einem geschlossenen Alphatest erfolgt ein öffentlicher Betatest unter Produktivbedingungen mit mehren Tausend Nutzern. Erst wenn hier keine Fehler mehr auftauchen, wird ein Release geschnürt – und das wird wiederum noch einmal intern auf Herz und Nieren getestet, bis es zur Veröffentlichung freigegeben wird. Viel Aufwand, aber für data-quest ist die Software die Visitenkarte. Sie muss bei Auslieferung so fehlerfrei wie möglich sein, sonst hätten wir am Markt keine Chance und Gegener von Open-Source-Softwäre würden sich in dem alten Vorurteil bestätigt sehen, dass freie Entwicklungsprojekte keine qualitativ hochwertige Software hervorbringen. Das stimmt aber nicht.

eLearning Journal: Seit 2001 ist die data-quest GmbH an der Entwicklung von Stud.IP beteiligt. Rückblickend auf die letzten 10 Jahre: was hat sich im Bereich Qualitätsbewusstsein bei eLearning getan und was glauben Sie, wohin die Reise geht?

Marco Bohnsack: Für Stud.IP muss ich sagen: Die Software ist viel umfangreicher geworden, die Zahl der Beteiligten ist explodiert. So erfreulich das ist, die Qualitätssicherung muss mit viel mehr Aufwand betrieben werden. Generell wird heute bei der Softwareentwicklung mehr wert auf QM gelegt, und das ist sehr zu begrüßen. Die Nutzer haben heutzutage Auswahl, für nahezu jede Anwendung gibt es verschiedene Lösungen – auch im Open-Source Bereich. Ist eine Software voller Fehler oder schlecht designt, dann benutzen die Anwender eben eine andere. Dieser Wettbewerb führt dazu, dass sich alle Hersteller mehr Mühe geben müssen. Das Leben ist zu kurz, um es mit Ärger über schlechte Software zu verplempern.

eLearning Journal: Vielen Dank für das Interview!